Toni All – Im Spannungsfeld zwischen Documenta 7 und Rummelplatz

Toni All arbeitet seit 1979 auf Kirmes Veranstaltungen und Volksfesten als Portraitzeichner. Er begibt sich mit seinem kulturellen Kapital (der Fähigkeit zu zeichnen) in einen sozialen Raum, welcher von den proletarischen Schichten traditionell zum Vergnügen genutzt wird.In der Frühphase des Museums gab es noch nicht diese unsichtbaren Grenzen und Schwellen. Das Museum in der Spätrenaissance verstand sich als Wunderkammer und Kuriositätenkabinett. Von dieser Verwandtschaft zeugen heute Zerrspiegel in Vergnügungsparks.

Toni All hat an der Documenta 7 (1982,Leiter Rudi Fuchs) teilgenommen. Nach Bourdieu erwirbt ein Kunstwerk seinen Wert nicht durch den Künstler, die in seine Erschaffung investierte Zeit oder seine Materialität, sondern durch das Produktionsfeld, das „Glaubensuniversum, das mit dem Glauben an die schöpferische Macht des Künstlers den Wert des Kunstwerks als Fetisch schafft“.

Die Arbeit Toni Alls, der sich einem kunstfernen Publikum stellt, erhält mit der Teilnahme an der Documenta 7 eine Aufladung mit “kollektiver Magie” und der damit verbundenen Aufwertung in der Kunstszene. Die auf der Kirmes entstanden Portraits sind durch Alls Kasseler Institutionalisierung somit keine Souvenirs ohne kulturellen Wert, sondern transformieren zum anerkannten Kunstwerk, welches im Ansehen weit oberhalb von Plüschbeeren und Zuckerwatte liegt. Toni Alls Arbeit erinnert an Performance und Action Painting. Es bilden sich Zuschauergruppen, die die Darbietung kommentieren und damit den kulturellen Raum um All erweitern. Der künstlerische Habitus des Akteurs überwindet im sozialen Raum Grenzen gesellschaftlicher Klassen. All hat seine eigene Kunstwelt kreiert, er wurde trotz Publizierung auf der weltweit bedeutendsten Kunstmesse kein Teil der oberen Klassen, sondern vereint in seiner Person den Volkskünstler mit dem Kunstvermittler und unabhängigen Kulturproduzenten.

Im Gegensatz zu zeitgenössischen Künstlern die die Vergnügungen der unteren Klassen als ethnologisch dokumentarische Bildwerke in den Galerien und Museen der Eliten des kulturellen und ökonomischen Kapitals präsentieren, und sich damit von den Portraitierten örtlich und sozial abgrenzen, integriert sich All in die Szenerie und behält die Zeichnungen als Beweismittel seiner Anwesenheit nicht selbst, sondern verschenkt diese an die Portraitierten. “Die 10 Euro für das Bild sind nur für das Zeichnen, das Bild gibt es umsonst” sagt Toni All.